Mutterhand
Die Mutterhand hat eine unterstützende, nährende und beobachtende Funktion. Sie empfängt die Botschaften und Reaktionen des Körpers, gibt diese an die arbeitende Hand weiter, gleichzeitig erhält und interpretiert sie die Botschaften und Reaktionen von der arbeitenden Hand. Sie spiegelt tatsächlich alle Bewegungen der Energie im Körper wider. Sonia Moriceau erörtert ihre Wichtigkeit als ein Bindeglied zwischen Geber und Empfänger.
Die Mutterhand heißt es, ist die Yin-Hand. Während sie auf dem Kyo liegt, hat die Yang-Hand, die arbeitenden Hand also, die Möglichkeit, ihre Arbeit zu tun. Die Mutterhand ist ruhig, bescheiden, fest und doch sanft – Yin also in ihrer Qualität. Sie ist stabil, von dichter Konsistenz. Sie bietet Geber und Empfänger einen physischen und energetischen Anker. Sie ist immer da, bewegt sich nur wenig. Ohne sie wäre die arbeitende Hand blind und isoliert wie ein wildes Pferd ohne seinen Reiter. Alle Attribute der Mutterhand sind Attribute des Yin-Aspekts in der Natur und in uns selbst.
Da die Mutterhand von ihrer Natur her Yin ist, wird ihr in der Praxis fälschlicherweise oft eine passive und untergeordnete Rolle zugewiesen. Aber sie ist gerade weil sie von ihrer Natur her Yin ist, die „aktivste“, die einflussreichste Hand! Sie ist die Hand, die den ersten Kontakt mit dem Körper herstellt und sich vom Körper bei jedem Übergang von Meridian zu Meridian, von Punkt zu Punkt als letzte entfernt. Sie ist der Schalter, der alle Verbindungen und Mitteilungen im Körper einschaltet. Sie ist die Hand, die alle Veränderungen und feinen energetischen Bewegungen initiiert. In ihrer bescheidenen, stabilen, festen und dennoch sanften Gegenwart öffnet sie den Energiefluss im Meridian, zwischen beiden Händen und im Körper selbst. Wenn die arbeitende Hand tiefer gehen muss, dann muss zuerst einmal die Mutterhand tiefer gehen – physisch zunächst, aber auch mit ihrem Geist, ihrer Aufmerksamkeit und ihrem Ki.
Sie ist flexibel und anpassungsfähig und reguliert somit ständig die Tiefe, den Winkel und die Qualität der Berührung, um mit dem Meridian in eine Echoreaktion zu treten, seine Sprache zu sprechen, sich in ihn einzustimmen. Die Mutterhand ist der wichtigste Bezugspunkt für den Empfänger. Durch ihre ständige Aufmerksamkeit schafft sie Stabilität und Vertrauen, wodurch die tiefsten Bedürfnisse beobachtet und schließlich erfüllt werden können.
Die Berührungszone der Mutterhand ist bei jedem Empfänger und auf jedem Meridian sehr individuell. Die Aufgabe des Praktikers besteht darin, die beste Verbindung zu schaffen, d.h. die Mutterhand dort hinzulegen, wo die beste Wechselwirkung stattfindet. Und das muss nicht dort sein, wo wir es gelernt haben!
Wenn die Position am effektivsten ist, entsteht ein Gefühl des Hineingesogenwerdens. Die Energien des Empfängers und Gebers verschmelzen miteinander wie zwei Hände, die sich halten. Eine Übung, die ich mit meinen Studenten mache, um sie mit der Qualität und der Anwesenheit der Mutterhand vertraut zu machen, ist, die Hände zu halten oder sich daran zu erinnern. Dadurch wird ihnen mehr und mehr bewusst, wie die Mutterhand ständig die winzigen Veränderungen und nötigen Ausrichtungen beobachtet, wie sie unmittelbar reagiert und sich anpasst.
Die Mutterhand als die Yin-aktive Hand bewirkt eine tiefe Entspannung im Empfänger, so dass er gar nicht anders kann, als mit seinen tiefen Bedürfnissen im Kontakt zu sein und sie erfüllt sehen möchte. Empfänger und Geber „arbeiten“ zusammen, um diese tiefen Bedürfnisse zu berühren. Dies ist für den Praktiker sehr wichtig, da es sowohl die Aufmerksamkeit und Absicht des Empfängers gibt als auch die eigene Aufmerksamkeit und Absicht, die Heilung zu unterstützen. Dadurch entsteht eine wahre Heilungspartnerschaft mit dem Klienten und keine Behandlungsbeziehung, in der der Klient zu passiv werden kann.
Die Mutterhand kann man mit einem Stein, vergleichen, den man in einen See geworfen hat. Er sendet eine Weile kleine Wellen über den ganzen See, Wellen, die die arbeitende Hand aufnimmt. In dem Sinne hat die arbeitende Hand, wenn die Mutterhand auf einer tiefen und subtilen Ebene „eingeschaltet“ ist, immer weniger zu tun.
Genauso wie es möglich ist, eine ganze Heilbehandlung zu geben, indem man nur mit dem Hara, dem Kern und Mittelpunkt des Menschen, arbeitet, ist es auch möglich, den tiefsten nährenden Effekt ausschließlich von der Mutterhand zu bekommen, ohne dass eine große Beteiligung der arbeitenden Hand nötig ist.
Eine Übung, die ich meinen Studenten ebenfalls empfehle, ist, dass sie die Mutterhand auf Konzenptionsgefäß Nr. 4 legen, also nur eine Hand auf dem Hara haben, und die Veränderungen in den Diagnosezonen durch ihr Bewusstsein und ihre Intuition nur durch die Mutterhand oder eine verbale Rückmeldung mitbekommen. Es ist erhellend, wie sehr der Empfänger in der Lage ist, sich selbst jegliche Diagnose und Behandlung zu geben, die er benötigt! Die Energie weiß, was sie braucht. Der Praktiker, der die Bedingungen für diese Tiefe des Empfangens und Fühlens geschaffen hat, wird zum Zeugen, wie sich die Energien, Emotionen usw. im Empfänger verändern.
Die Mutterhand hat somit das Potenzial, den ganzen Körper zu beeinflussen, nicht nur die Zone, auf der sie sich gerade befindet. Die Arbeit der Mutterhand fungiert wie ein Echo, dessen Ton wie eine Welle durch das ganze System widerhallt. Die arbeitende Hand ist, wie Ohashi sagt, „der Botenjunge“.
Manchmal kann die Mutterhand
auch necken. Dann macht sie die Energie in einem Meridian oder einer
Zone „hungrig“, indem sie absichtlich aus einer trägen
oder schüchternen Energie eine Reaktion hervorlockt.
Sie bietet also viele Möglichkeiten, diese bescheidene, feste und
doch sanfte Hand – diese Yin-Berührung.
Wir alle wissen, wie heilend und nachhaltig ein absichtsloser, mitfühlender Augenblick mit einem anderen Menschen sein kann. Genauso ist es mit der Mutterhand. Indem sie da ist, gibt sie dem Empfänger die Möglichkeit, sich selbst zu heilen. In einer Heil-Shiatsu-Sitzung ist die Mutterhand das gewaltlose, sich nicht aufdrängende Prinzip und dennoch das einflussreichste.
Sonia Moriceau ist
Gründerin und Leiterin des „Healing-Shiatsu Education Centre“ in
Wales, wo die Meditation der Achtsamkeit als Praxis in die Shiatsu-Ausbildung
einbezogen wird.
(Aus dem Englischen von Anne Frederiksen)
Articles by Sonia
Basic Healing-Shiatsu Touch principles
Mindfulness Meditation in Shiatsu
“The
Breath of Awareness”
The Cosmological Cycle
The Cosmological Cycle : yin and yang
Motherhand
Mutterhand (in German)
Sonia Moriceau interviewed by Pat O'Grady
Sonia Moriceau
Im Gespräch mit Pat O’Grady