Sonia
Moriceau
Im Gespräch mit
Pat O’Grady
Pat:
Mir scheint, dass unser Verständnis von Gesundheit, schlechtem Gesundheitszustand
und Heilung der Kern unserer Praxis sein muss. Könntest Du erklären,
was diese Begriffe für Dich bedeuten? Ich suche nicht nach einer definitiven
Interpretation, vielmehr nach den Aspekten, die aus Deiner Erfahrung resultieren
und die Deine Shiatsu-Praxis beeinflussen.
Sonia:
Für mich ist das bestimmende Merkmal von Gesundheit nicht die Abwesenheit
von Leid, Schmerz oder Krankheit. Es ist nicht so, dass jemand gesund ist,
wenn ihm nichts fehlt. Es gibt Menschen, denen bis zum 50. oder 60. Lebensjahr
nichts gefehlt hat, aber wenn sie innehalten, bricht alles zusammen. Alles,
was verdrängt wurde, kommt jetzt an die Oberfläche. Es ist also
nicht so, dass die Abwesenheit von Krankheit oder von Beschwerden notwendigerweise
ein Maßstab ist für das, was Gesundheit ausmacht. Für mich
ist der Maßstab vielmehr Flexibilität, die Fähigkeit sagen
zu können „Ich kann in mein Zentrum zurückkehren, in einen
Zustand der Ruhe und des Wohlbefindens in meinem Leben.“ In dem Sinne
hat Heilung mehr mit „Umerziehung“ zu tun als mit „Behandlung“ oder
etwas loszuwerden.
Ein schlechter Gesundheitszustand zeigt sich dann, wenn in einem Menschen
keine Veränderung, kein Wachstum, keine Entwicklung stattfindet. Um ein
Beispiel zu geben: eine Frau, die kürzlich zu mir kam, fühlte sich
unwohl. Aber gerade dadurch veränderte sie sehr viel, hatte viele Erkenntnisse über
sich selber, ihre Gefühle, ihre Lebensweise. Für mich ist das Gesundheit,
und in dem Sinne benutze ich auch das Wort Evolution.
Pat:
Könntest Du noch weiter ausführen, was Du mit Evolution und Wachstum
meinst? Evolution wohin? Wachstum in welcher Weise?
Sonia:
Denken wir an die Evolution, bevor wir menschliche Wesen wurden: Es gab
immer Bewegung, immer Umwälzung, um uns dorthin zu bringen, wo wir heute
sind. Das war so und wird immer so bleiben, weil die Menschen nie aufhören
werden zu wachsen, zu suchen, sich anzupassen und sich unter großen
Unannehmlichkeiten und Beschwerden zu transformieren. Das ist einer der interessanten
Aspekte von sogenannter Gesundheit und Heilung. Wenn wir uns anpassen, wenn
wir wachsen, uns ausdehnen und ändern, kann das großes Unbehagen
verursachen. Aber es ist ein ständiger Prozess, und schließlich
entsteht ein menschliches Wesen, das weit mehr Möglichkeiten hat und über
mehr Potential verfügt als, sagen wir, ein Mensch vor einhundert Jahren.
Was mich betrifft, so hoffe ich, dass ich auf einem Pfad gehe, auf dem
meine eigenen Vorfahren noch nicht gegangen sind, so dass ich ein bisschen
zur Evolution beitragen kann. Das muss äußerlich gar nicht sichtbar
sein, aber innerlich muss ich nicht dieselben Muster, Szenarien oder Konditionierungen
ausagieren, muss nicht unter denselben Umständen leben, in denen ich
mich einmal befand. Ich habe das - ein bisschen jedenfalls - „transzendiert“.
Das ist für mich Evolution, das ist Gesundheit.
Pat:
Könntest Du das ausführlicher erklären?
Sonia:
Nun, wir müssen mit dem „Antrieb“ in uns in Berührung
kommen, um unsere Konditionierung zu transzendieren. Das geht wirklich über
jede Theorie hinaus. Es ist etwas, was man in jedem Menschen beobachten kann,
ein ziemlich starker Aspekt. Es kann dazu führen, dass dieser Mensch
verrückte Dinge tut… Innerlich ist ein unglaublicher „Antrieb“ da,
der sich als Ruhelosigkeit ausdrücken kann.
Wir können als Beispiel so etwas Einfaches wie die Midlife-Krise nehmen.
Oft geht man damit nicht sachgemäß um, weil man nicht genug darüber
weiß und nicht genügend angemessene Mittel kennt. Grundsätzlich
aber geht es auch hier um einen Antrieb, um den Antrieb: „Ich will mehr.
Ich will etwas anderes. Es reicht einfach nicht so wie es ist.“ Oft
projizieren wir das natürlich auf die Familie oder den Beruf oder die
Umgebung. Im Grunde jedoch ist das sehr gut. Es bedeutet: „Ich will
etwas anderes. Wie kann ich es erreichen?“ Es handelt sich also um eine
Suche. Wir kommen zurück auf die Nierenenergie, die etwas anderes möchte.
Wir können also sagen, wenn man keine gute Nierenenergie hat, ist auch
die Gesundheit nicht gut.
Kommen wir noch einmal auf die Kernfrage zurück: Was eigentlich ist Gesundheit?
Von Krankheit können wir dann sprechen, wenn jemand diesen Antrieb verloren
hat, diesen Antrieb, sich bessere Umstände zu schaffen. Was immer das
bedeutet. Für manche mag es etwas Materielles sein, ich jedoch suche
mehr nach den Samen in uns, und ob daraus etwas entsteht, ob etwas in eine
andere Richtung zu wachsen beginnt und somit zu einer anderen Entwicklung
führt.
Pat:
Gesundheit, schlechter Gesundheitszustand, beides hast Du erklärt. Wie
siehst oder erklärst du den Begriff „Heilen“?
Sonia:
Ich glaube, dass das Wort „Heilen“ bedeutet, Frieden mit solchen
Situationen zu machen, wie ich sie gerade beschrieben habe. Wenn wir Gesundheit
als die Fähigkeit definieren, ins Gleichgewicht zu kommen, bedeutet Gesundheit
auch, dass wir akzeptieren, dass es Zeiten gibt, in denen wir uns nicht so
gut fühlen, Zeiten, in denen wir Beschwerden haben. Ich finde das wirklich
wichtig, weil Klienten so oft über Schmerzen etc. klagen. Wenn wir sie
aber als Teil des Gesamtbildes akzeptieren können, wenn wir uns damit
anfreunden können, ist das Teil des Heilungsprozesses, ganz im Sinne
der ersten Edlen Wahrheit: „Leiden gehört zum Leben.“ Es
gibt Schmerz, Ruhelosigkeit, Kummer, Trauer, aber wer sagt denn, dass es das
alles nicht geben sollte!? Wie wir wissen, ist nichts beständig.
Ich glaube, Heilung hat diese weite Sichtweise. Es ist in Ordnung, Beschwerden
zu haben, solange es eine Wachstumsbewegung gibt, ein „Ich will da hindurchgehen,
und um das zu tun, werde ich Beschwerden haben. Ich muss eine Änderung
herbeiführen. Ich muss die Dinge in meinem Leben bewegen.“
Ich finde das faszinierend, denn sobald wir das akzeptieren, ist es gut.
Wir müssen akzeptieren, dass Glück oder Gesundheit nicht bedeuten,
ein schönes Haus zu besitzen, Geld auf der Bank zu haben, gute Beziehungen
zu haben - all dies ist natürlich hilfreich, aber es ist eben nicht das
Ziel. Wenn wir akzeptieren können, dass wir manchmal heimatlos, ohne
Freunde sind oder uns allein fühlen und uns fragen „Was mache ich
hier eigentlich?“, dann wird Heilung eintreten. Dann ist etwas in Bewegung.
Es ist ein bisschen so, als würden wir unsere Sichtweise von einem Märchen ändern.
Es gibt Leiden, aber es gibt auch einen Ausweg. Meist aber sieht er nicht
so aus, wie wir glauben. Hier kommen wir zurück auf das Thema Krankheit
im Sinne von Unwohlsein, im Sinne von „Nein, ich will diese Veränderung
nicht. Ich will, dass die Dinge bleiben wie sie sind. Ein Haus, Geld auf der
Bank zu haben, das Darlehen abgezahlt zu haben, sind Ausdruck von höchstem
Glück und wirklicher Gesundheit für mich. Damit sich nichts ändert,
will ich diese Energien, diese Bewegung, diesen Antrieb nicht.“
Das ist das Gesamtbild für mich. Es hilft mir zu verstehen, was in meinem
eigenen Leben vor sich geht und gleichzeitig, was im Leben anderer Menschen
vor sich geht. Dann kann ich sehen, warum jemand etwas zurückhält,
warum er an etwas festhält oder seinen natürlichen Antrieb bremst,
diesen Impuls, der höher hinaus möchte. Deshalb kommt es immer wieder
zu Konflikten und Krankheiten.
Pat:
Wie kann Shiatsu diesen Heilungsprozess unterstützen?
Sonia:
Ich spreche nicht sehr viel mit meinen Klienten, hoffe aber, dass ich die
Ruhelosigkeit und Konfusion besänftigen kann, die sich im Kyo und Jitsu
zeigen, in der Verwirrung und der Frage „Wie leben wir eigentlich?“ Es
geht wirklich darum, zu immer tieferen Schichten in einem Menschen vorzudringen,
so dass er mit seinen wahren Sehnsüchten in Kontakt kommt. Weil ich diese
Sprache kenne, diese Erfahrung habe, kann ich das aufnehmen, und sie können
fragen „Was kann ich als nächstes tun?“ Ich kann dann etwas
anbieten, sei es Literatur, Meditation oder etwas anderes.
Es geht im Shiatsu wirklich darum, einen Samen zu säen, der uns mit unseren
tiefsten Sehnsüchten in Berührung bringt, nicht nur mit der Frage, „Wie
kann ich überleben?“ Es gibt viele Ebenen, Shiatsu zu geben, Shiatsu
zu erfahren. Für mich ist es aber wichtig, diesen Aspekt, einen Samen
zu säen, zu berücksichtigen, denn dann tut sich, so hoffe ich, für
den Klienten die Möglichkeit auf, den hellen Strahl des Diamanten zu
sehen (wie mein Lehrer es nannte), mit dem er sich dann verbinden kann. In
dem Augenblick beginnt er, begierig nach dem „Ich will mehr“ zu
hungern.
Pat:
Du hast wahrscheinlich das meiste über Deine Rolle als Praktikerin bereits
gesagt. Möchstest Du noch etwas hinzufügen?
Sonia:
Nun, es ist etwas, was ich noch anders ausdrücken möchte. Wenn ich
Shiatsu gebe, gebe ich direkte Erfahrungen an meine Klienten weiter, wie ich
es schon beschrieben habe. Selbst wenn es nur flüchtig ist, und zu Beginn
ist es meistens so. Ein Moment tiefen Friedens kann sich mit der Ausatmung
einstellen. Der ganze Gesichtsausdruck entspannt sich, so als gäbe es
im Moment kein „Ich“, kein „Ich“, das sich Sorgen
macht oder ruhelos ist. Ein „Ich“, das sich Sorgen macht, ruhelos
und verwirrt ist, ist ein großes, dominantes Ich. Der Moment der Ausatmung
ist nur kurz, er bedeutet aber, dass der Klient in dem Moment wirklich mit
seiner tiefen inneren Quelle in Kontakt gekommen ist und sie wird die Arbeit
tun.
Als Shiatsu-Praktikerin muss ich die richtigen Bedingungen schaffen, damit
das geschehen kann. Das hat auch eine Rückwirkung auf mich als Praktikerin.
Ich muss erfahren haben, was sich sage, muss in meinem eigenen Leben, in meiner
eigenen persönlichen Praxis all das erfahren haben. Wenn ich krank bin,
muss auch ich diese Sichtweise haben, dass Leiden existiert. Für mich
ist es keine Frage mehr von „Oh, ich muss das bedenken, mich daran erinnern.“ Ich
denke automatisch, „nichts ist beständig“ etc. Ich muss also
authentisch sein und von da aus kann ich, so hoffe ich jedenfalls, inspirieren.
Am wichtigsten aber ist, dass ich nur da bin, vielleicht als ein Spiegel,
der sagt „ Es ist in Ordnung, diese Widersprüche in sich zu fühlen,
aber auch, diesen Diamanten zu sehen.“ Meine Rolle also ist es, das
so auszudrücken wie es mir gemäß ist und die äußeren
Bedingungen anzubieten. Das bedeutet, dass auch ich wirklich ein Stück
Arbeit zu tun habe, indem ich all das selber für mich kultiviere.
Ich spreche hier natürlich nur aus meiner eigenen Erfahrung als Praktikerin.
Wenn die eigene Erfahrung nur einen bestimmten Aspekt des großen Ganzen
ausmacht, kann man nur von da aus aufrichtig darüber sprechen. Aber das
wird die Menschen auf eine gute Weise berühren. Das allein schon wird
dazu beitragen, dass Veränderungen geschehen. Ich glaube, dass wir alle
danach hungern, Dinge zu hören, die aufrichtig sind. Wir wollen nicht
nur ein Konzept von guten Ideen hören, sondern etwas, das auf einfache
Weise ausgedrückt wird und authentisch ist. Das versuche ich in meiner
eigenen Praxis zu tun. Ich versuche nicht, in Gebiete vorzudringen, die ich
nicht erforscht habe oder von denen ich wenig weiß. Ich bleibe in meinem
Verständnis und meiner Praxis. Da ich all das aber praktiziere, wachse
ich immer weiter, bin also nicht begrenzt, weil sich eben immer alles ändert.
Pat:
Wenn Leute zu Dir kommen, haben sie ein großes Spektrum an Erwartungen.
Wie verbindest Du diese Erwartungen mit Deinem eigenen Verständnis?
Sonia:
Nun, ich versuche nicht, sie mit Worten zu überzeugen. Ich beziehe mich
auf die Praxis der „Liebenden Güte“. Je mehr ich sie praktiziere,
umso mehr verändern sich mein Verständnis und meine Erfahrung. Es
ist wirklich so, dass andere nicht anders sind als ich. So kann ich die Leute
als eine Erweiterung meiner selbst sehen, und genauso wie sie möchte
ich, dass mir Gutes geschieht, dass ich glücklich bin, dass es mir gut
geht, dass ich auf diesen Weg achtgebe, dass ich am Ende meines Lebens vielleicht
denke „Nun, ich habe ein paar Dinge anders als meine Vorfahren gemacht.
Ich bin ein kleines bisschen vorangekommen.“
Wenn ich also andere sehe, die wie ich sind, weiß ich, dass sie das,
was ich gerade aufzählte, auch wollen. Es geht darum, ihren Erwartungen
mit „Liebender Güte“ zu begegnen. Oft kommen die Leute zu
Anfang mit Schulterschmerzen oder Rückenschmerzen, aber das ist nur die
Oberfläche, nicht wahr? Wenn ich mich in ihre tiefsten Hoffnungen einstimme,
finden wir einen Punkt, an dem wir uns treffen. Vielleicht nicht in der ersten
Sitzung. Oft sagen die Leute „Ich weiß, ich komme wegen viel mehr
zu Dir als meiner Schulterschmerzen.“ Das ist keine Überraschung
für mich. Es ist auch kein Selbstlob. Es ist einfach das, um was es uns
allen geht, aber am Anfang sind wir alle noch etwas schüchtern.
Während der ersten Sitzungen geht es um die sogenannten Symptome oder
um den gegenwärtigen Zustand, sehr bald aber taucht eine andere Dimension
auf. Es öffnet sich eine Ebene, auf der wir ihnen ein Vorgefühl
geben von einem Ort, an dem tiefes Wohlergehen möglich ist. Dann beginnt
der Klient, sich darauf zu beziehen. Es ist wie ein Echo. Er hat es vernommen,
und deshalb will er wiederkommen, sogar dann noch, wenn die Schulter bereits
besser geworden ist. Es ist so, als würdest Du die Sprache sprechen oder
als würden sie das Echo wiederhören, wenn sie wieder in dieser Umgebung,
diesem Raum, zusammen mit der bestimmten Person sind. So arbeiten viele Meditationslehrer.
Nur, indem Du in ihrer Gegenwart bist, bringt es Dich in Berührung mit
jenem Echo, nach dem Du gesucht hast und das universell ist. Meiner Erfahrung
nach gibt es da keinen Konflikt. Ich bin nicht der Ansicht, dass sie nur wegen
eines Symptoms kommen, meine Sichtweise ist da viel weiter.
Pat:
Manchmal spüre ich eine Ambivalenz in meiner Shiatsupraxis, weil ich
mich hin- und hergerissen fühle zwischen der Arbeit am gegenwärtigen
Zustand und den tieferen Fragen oder Problemen. Ich schaue nicht auf das Ganze,
bin nicht entspannt und das macht mein Shiatsu weniger fokussiert und weniger
befriedigend.
Sonia:
Wir sollten wirklich diese „weitere Sichtweise“ durch unsere eigene
Praxis kultivieren, so dass wir buchstäblich alle diese Möglichkeiten
und Widersprüche haben und in diesem Rahmen wissen, dass wir sehr begrenzt
sind in dem, was wir wirklich tun können. Ich glaube mehr an den Aspekt,
die richtigen Bedingungen zu schaffen und dass zwischen dem, wie wir leben
und dem, was wir sagen, keine Lücke klafft, so dass wir wirklich aufrichtig
sein können. Der Rest ist dann Sache des Klienten, ist das, was wir seinen „Weg“ oder „Pfad“ nennen.
Es ist nicht allzu viel, was wir als äußere Person wirklich tun
können. Wir können durch unser Vorbild oder unser Beispiel und unsere
Wechselwirkung inspirieren, wir können helfen, dass der Klient den Berg
von Arbeit erkennt, der zu bewältigen ist. Wir können zum Beispiel
besänftigen etc., aber physisch können wir nicht sehr viel tun,
können nicht intervenieren. Es braucht Jahre, um dies zu erkennen, denn
zu Beginn der Arbeit als Praktiker glaubst Du, dass Du wirklich viel bewirken
kannst, aber wenn Du ehrlich bist, passieren die Veränderungen nur, weil
die Person ohnehin in die Richtung gegangen ist und Du zu dem Zeitpunkt gerade
da warst. Du hast etwas Wertvolles getan, aber nicht Du warst es, sie waren
sozusagen in dem Moment bereit dazu. Damit will ich Shiatsu nicht herabwürdigen,
auch mich selber nicht, aber es ist einfach so, wie ich sagte.
Du zeigst den Weg, indem Du auf bestimmten Meridianen arbeitest, schaffst
ein Gefühl von Wohlergehen, von Balance und hilfst der Energie, sich
zu bewegen, aber wenn innerlich ein Widerstand da ist, ein Festhalten, ein
Sich-Sperren, ein schlechter Gesundheitszustand oder etwas, was sich dagegen
sträubt, kannst Du nichts tun bis die Person durch die Schläge des
Lebens diese Widerstände aufgibt.
Das größte Plus von Shiatsu ist, dass es nonverbal abläuft.
Das ist sehr kraftvoll, weil Worte durch die verschiedenen möglichen
Assoziationen, Interpretationen usw. verwirren können. Ich denke, gerade
weil es nonverbal ist, ist es ein so wunderbares Werkzeug. Die Hände
kommunizieren, sie sprechen. Shiatsu ist also ein Weg, der die Selbstheilungskräfte
im Klienten aktiviert. Er wird Zeuge, was mit seiner Energie geschieht, und
das ist das Ergebnis dessen, was ich als Praktiker anbiete.
Für mich ist die Atmung ein Zeichen dafür, ob etwas gut läuft.
Die Atmung kann tiefer werden, besonders die Ausatmung. Wenn die Entspannung
sehr tiefgehend ist und wenn losgelassen wird, dann wird zwischen der Ausatmung
und der Einatmung eine Leere sein. Es geschieht nichts, und oft wird der Klient
später sagen „Ich wollte nicht einatmen, ist das in Ordnung? Was
bedeutet das?“
Eine große Stille ist eingetreten, und der Klient ist mit dem inneren
meditativen Raum in Berührung gekommen. In dem Moment ist Heilung geschehen.
Ich als Praktikerin schaue sozusagen während der ganzen Sitzung danach,
ob meine Arbeit zu diesem Moment hinführt. Das ist etwas, was Du wirklich
spüren und überprüfen kannst. Während dieser Pause, dieser
Leere ist sich der Klient dessen ganz und gar bewusst, und er ist ganz und
gar damit verbunden. Ich selbst als Praktierin muss das auch oft erfahren
haben, um zu respektieren und zu wissen, wie es an diesem Punkt wirklich ist.
Wenn ich es bemerke, fahre ich mit meiner Arbeit fort, sie wird tiefer, und
ich treffe den Klienten dann in diesem Raum. Es ist in der Tat ein unglaublicher
Raum für sie. Es ist der Moment, in der Selbstheilung geschieht. Es bedarf
nur eines kleinen Augenblicks in Deiner einstündigen Sitzung wie diesem
und alles geht von selbst.
Ich als Praktikerin fühle also, dass ich immer weniger tun muss. Ich
bin es wirklich nicht. Meine Verantwortung liegt nur darin, die richtigen
Bedingungen zu schaffen, zuzuhören, in Liebender Güte präsent
zu sein, mich nicht „einzumischen“, damit ich Zeuge werden kann
von dem, was vor sich geht und in der Lage bin, dies richtig zu interpretieren.
Während der Sitzung spüre ich zum Beispiel, dies ist heilsam, das
nicht, hier verläuft die Bewegung nicht in der richtigen Richtung. Der
Klient aber macht die eigentliche Arbeit, er ist also selber aktiv. Das gibt
ihm sozusagen die Vollmacht, und das bekommt er auch mit. Er fühlt sich
aktiver und ist deshalb am Ende einer Shiatsu-Sitzung in der Lage, mehr zu
sagen als ich, zum Beispiel, „Dies ist geschehen und das“, und
alles, was ich dann nur noch sagen kann, ist „ja, so ist es“.
Pat:
Du hast schon beschrieben, was bestimmte Aspekte von Kommunikation für
Dich bedeuten. Möchtest Du dazu noch etwas sagen?
Sonia:
Beim Thema Kommunikation geht es um die Praxis der Liebenden Güte, die
bedeutet, dass ich fühle, dass wir nicht getrennt sind. Die Wut meines
Klienten ist auch die meine. Wut, Hass, Neid, Eifersucht, Trauer, Einsamkeit,
Verzweiflung, Freude, Hoffnung, all das kenne ich auch. Wir alle kennen das
ganze Spektrum, niemand ist davon ausgenommen. Kommunikation bedeutet, dass
ich ein Verständnis von all dem habe. Ich muss wissen, dass es so in
Ordnung ist. Denn dann habe ich keine Angst vor diesen Gefühlen, diesen
Emotionen und Empfindungen in mir oder in anderen. Ich denke dann, „aha,
so fühlt sich tiefe Einsamkeit an“.
Das erinnert mich an den Wert von Shiatsu. Als ich bei Ohashi lernte, sagte
er „Du bist mit dem Klienten auf dem Boden, er befindet sich nicht auf
der Couch, steht nicht neben Dir. Du berührst ihn auf derselben Ebene.“ Ohashi
ist klein von Statur. In einem Kurs stellte er sich neben den größten
Mann. Es war also ein riesiger Unterschied. Als er sich dann auf die Matte
setzte und der Mann das auch tat, war der Unterschied weitaus geringer. Das
ist das, was Shiatsu für mich bedeutet. Es gibt so gut wie keine Trennung.
Die Intention ist die Berührung, ist der körperliche Kontakt, Klient
und Praktiker stehen auf einer Stufe.
Deshalb benutze ich das Wort „Behandlung“ auch nicht. Wie kann
ich „behandeln“? Ich sehe nur diese zweiseitige Kommunikation,
die zu einer wird und in der wir unsere Erfahrung, unsere Menschlichkeit teilen.
Und in der Mitte, so hoffe ich, gibt es diesen Moment des tiefen Wohlbehagens,
der in dieser Person widerhallt und der sie mit ihrem ganzen menschlichen
Potential in Berührung bringt.
Aus dem Englischen von Anne Frederiksen.
1974 begann Sonia Moriceau ihre Ausbildung in Satipatthana (Meditation der Achtsamkeit) unter der Leitung von John Garrie Roshi. Ihre Meditationspraxis führte sie zum Shiatsu und zum Heilen. 1980 begann sie ihre Shiatsu-Ausbildung bei Meister Ohashi, gründete 1983 das „Healing Shiatsu Education Centre“ in South Herefordshire, wo die Meditation der Achtsamkeit integraler Bestandteil der Shiatsu-Ausbildung ist. Das Zentrum bietet auch Meditationskurse und Retreats an.
Articles by Sonia
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The Cosmological Cycle : yin and yang
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Sonia Moriceau interviewed by Pat O'Grady
Sonia Moriceau
Im Gespräch mit Pat O’Grady