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Sonia Moriceau
Im Gespräch mit Pat O’Grady

Pat:
Mir scheint, dass unser Verständnis von Gesundheit, schlechtem Gesundheitszustand und Heilung der Kern unserer Praxis sein muss. Könntest Du erklären, was diese Begriffe für Dich bedeuten? Ich suche nicht nach einer definitiven Interpretation, vielmehr nach den Aspekten, die aus Deiner Erfahrung resultieren und die Deine Shiatsu-Praxis beeinflussen.
Sonia:
Für mich ist das bestimmende Merkmal von Gesundheit nicht die Abwesenheit von Leid, Schmerz oder Krankheit. Es ist nicht so, dass jemand gesund ist, wenn ihm nichts fehlt. Es gibt Menschen, denen bis zum 50. oder 60. Lebensjahr nichts gefehlt hat, aber wenn sie innehalten, bricht alles zusammen. Alles, was verdrängt wurde, kommt jetzt an die Oberfläche. Es ist also nicht so, dass die Abwesenheit von Krankheit oder von Beschwerden notwendigerweise ein Maßstab ist für das, was Gesundheit ausmacht. Für mich ist der Maßstab vielmehr Flexibilität, die Fähigkeit sagen zu können „Ich kann in mein Zentrum zurückkehren, in einen Zustand der Ruhe und des Wohlbefindens in meinem Leben.“ In dem Sinne hat Heilung mehr mit „Umerziehung“ zu tun als mit „Behandlung“ oder etwas loszuwerden.
Ein schlechter Gesundheitszustand zeigt sich dann, wenn in einem Menschen keine Veränderung, kein Wachstum, keine Entwicklung stattfindet. Um ein Beispiel zu geben: eine Frau, die kürzlich zu mir kam, fühlte sich unwohl. Aber gerade dadurch veränderte sie sehr viel, hatte viele Erkenntnisse über sich selber, ihre Gefühle, ihre Lebensweise. Für mich ist das Gesundheit, und in dem Sinne benutze ich auch das Wort Evolution.

Pat:
Könntest Du noch weiter ausführen, was Du mit Evolution und Wachstum meinst? Evolution wohin? Wachstum in welcher Weise?
Sonia:
Denken wir an die Evolution, bevor wir menschliche Wesen wurden: Es gab immer Bewegung, immer Umwälzung, um uns dorthin zu bringen, wo wir heute sind. Das war so und wird immer so bleiben, weil die Menschen nie aufhören werden zu wachsen, zu suchen, sich anzupassen und sich unter großen Unannehmlichkeiten und Beschwerden zu transformieren. Das ist einer der interessanten Aspekte von sogenannter Gesundheit und Heilung. Wenn wir uns anpassen, wenn wir wachsen, uns ausdehnen und ändern, kann das großes Unbehagen verursachen. Aber es ist ein ständiger Prozess, und schließlich entsteht ein menschliches Wesen, das weit mehr Möglichkeiten hat und über mehr Potential verfügt als, sagen wir, ein Mensch vor einhundert Jahren.
Was mich betrifft, so hoffe ich, dass ich auf einem Pfad gehe, auf dem meine eigenen Vorfahren noch nicht gegangen sind, so dass ich ein bisschen zur Evolution beitragen kann. Das muss äußerlich gar nicht sichtbar sein, aber innerlich muss ich nicht dieselben Muster, Szenarien oder Konditionierungen ausagieren, muss nicht unter denselben Umständen leben, in denen ich mich einmal befand. Ich habe das - ein bisschen jedenfalls - „transzendiert“. Das ist für mich Evolution, das ist Gesundheit.

Pat:
Könntest Du das ausführlicher erklären?
Sonia:
Nun, wir müssen mit dem „Antrieb“ in uns in Berührung kommen, um unsere Konditionierung zu transzendieren. Das geht wirklich über jede Theorie hinaus. Es ist etwas, was man in jedem Menschen beobachten kann, ein ziemlich starker Aspekt. Es kann dazu führen, dass dieser Mensch verrückte Dinge tut… Innerlich ist ein unglaublicher „Antrieb“ da, der sich als Ruhelosigkeit ausdrücken kann.
Wir können als Beispiel so etwas Einfaches wie die Midlife-Krise nehmen. Oft geht man damit nicht sachgemäß um, weil man nicht genug darüber weiß und nicht genügend angemessene Mittel kennt. Grundsätzlich aber geht es auch hier um einen Antrieb, um den Antrieb: „Ich will mehr. Ich will etwas anderes. Es reicht einfach nicht so wie es ist.“ Oft projizieren wir das natürlich auf die Familie oder den Beruf oder die Umgebung. Im Grunde jedoch ist das sehr gut. Es bedeutet: „Ich will etwas anderes. Wie kann ich es erreichen?“ Es handelt sich also um eine Suche. Wir kommen zurück auf die Nierenenergie, die etwas anderes möchte. Wir können also sagen, wenn man keine gute Nierenenergie hat, ist auch die Gesundheit nicht gut.
Kommen wir noch einmal auf die Kernfrage zurück: Was eigentlich ist Gesundheit? Von Krankheit können wir dann sprechen, wenn jemand diesen Antrieb verloren hat, diesen Antrieb, sich bessere Umstände zu schaffen. Was immer das bedeutet. Für manche mag es etwas Materielles sein, ich jedoch suche mehr nach den Samen in uns, und ob daraus etwas entsteht, ob etwas in eine andere Richtung zu wachsen beginnt und somit zu einer anderen Entwicklung führt.

Pat:
Gesundheit, schlechter Gesundheitszustand, beides hast Du erklärt. Wie siehst oder erklärst du den Begriff „Heilen“?
Sonia:
Ich glaube, dass das Wort „Heilen“ bedeutet, Frieden mit solchen Situationen zu machen, wie ich sie gerade beschrieben habe. Wenn wir Gesundheit als die Fähigkeit definieren, ins Gleichgewicht zu kommen, bedeutet Gesundheit auch, dass wir akzeptieren, dass es Zeiten gibt, in denen wir uns nicht so gut fühlen, Zeiten, in denen wir Beschwerden haben. Ich finde das wirklich wichtig, weil Klienten so oft über Schmerzen etc. klagen. Wenn wir sie aber als Teil des Gesamtbildes akzeptieren können, wenn wir uns damit anfreunden können, ist das Teil des Heilungsprozesses, ganz im Sinne der ersten Edlen Wahrheit: „Leiden gehört zum Leben.“ Es gibt Schmerz, Ruhelosigkeit, Kummer, Trauer, aber wer sagt denn, dass es das alles nicht geben sollte!? Wie wir wissen, ist nichts beständig.
Ich glaube, Heilung hat diese weite Sichtweise. Es ist in Ordnung, Beschwerden zu haben, solange es eine Wachstumsbewegung gibt, ein „Ich will da hindurchgehen, und um das zu tun, werde ich Beschwerden haben. Ich muss eine Änderung herbeiführen. Ich muss die Dinge in meinem Leben bewegen.“
Ich finde das faszinierend, denn sobald wir das akzeptieren, ist es gut. Wir müssen akzeptieren, dass Glück oder Gesundheit nicht bedeuten, ein schönes Haus zu besitzen, Geld auf der Bank zu haben, gute Beziehungen zu haben - all dies ist natürlich hilfreich, aber es ist eben nicht das Ziel. Wenn wir akzeptieren können, dass wir manchmal heimatlos, ohne Freunde sind oder uns allein fühlen und uns fragen „Was mache ich hier eigentlich?“, dann wird Heilung eintreten. Dann ist etwas in Bewegung. Es ist ein bisschen so, als würden wir unsere Sichtweise von einem Märchen ändern. Es gibt Leiden, aber es gibt auch einen Ausweg. Meist aber sieht er nicht so aus, wie wir glauben. Hier kommen wir zurück auf das Thema Krankheit im Sinne von Unwohlsein, im Sinne von „Nein, ich will diese Veränderung nicht. Ich will, dass die Dinge bleiben wie sie sind. Ein Haus, Geld auf der Bank zu haben, das Darlehen abgezahlt zu haben, sind Ausdruck von höchstem Glück und wirklicher Gesundheit für mich. Damit sich nichts ändert, will ich diese Energien, diese Bewegung, diesen Antrieb nicht.“
Das ist das Gesamtbild für mich. Es hilft mir zu verstehen, was in meinem eigenen Leben vor sich geht und gleichzeitig, was im Leben anderer Menschen vor sich geht. Dann kann ich sehen, warum jemand etwas zurückhält, warum er an etwas festhält oder seinen natürlichen Antrieb bremst, diesen Impuls, der höher hinaus möchte. Deshalb kommt es immer wieder zu Konflikten und Krankheiten.

Pat:
Wie kann Shiatsu diesen Heilungsprozess unterstützen?
Sonia:
Ich spreche nicht sehr viel mit meinen Klienten, hoffe aber, dass ich die Ruhelosigkeit und Konfusion besänftigen kann, die sich im Kyo und Jitsu zeigen, in der Verwirrung und der Frage „Wie leben wir eigentlich?“ Es geht wirklich darum, zu immer tieferen Schichten in einem Menschen vorzudringen, so dass er mit seinen wahren Sehnsüchten in Kontakt kommt. Weil ich diese Sprache kenne, diese Erfahrung habe, kann ich das aufnehmen, und sie können fragen „Was kann ich als nächstes tun?“ Ich kann dann etwas anbieten, sei es Literatur, Meditation oder etwas anderes.
Es geht im Shiatsu wirklich darum, einen Samen zu säen, der uns mit unseren tiefsten Sehnsüchten in Berührung bringt, nicht nur mit der Frage, „Wie kann ich überleben?“ Es gibt viele Ebenen, Shiatsu zu geben, Shiatsu zu erfahren. Für mich ist es aber wichtig, diesen Aspekt, einen Samen zu säen, zu berücksichtigen, denn dann tut sich, so hoffe ich, für den Klienten die Möglichkeit auf, den hellen Strahl des Diamanten zu sehen (wie mein Lehrer es nannte), mit dem er sich dann verbinden kann. In dem Augenblick beginnt er, begierig nach dem „Ich will mehr“ zu hungern.

Pat:
Du hast wahrscheinlich das meiste über Deine Rolle als Praktikerin bereits gesagt. Möchstest Du noch etwas hinzufügen?
Sonia:
Nun, es ist etwas, was ich noch anders ausdrücken möchte. Wenn ich Shiatsu gebe, gebe ich direkte Erfahrungen an meine Klienten weiter, wie ich es schon beschrieben habe. Selbst wenn es nur flüchtig ist, und zu Beginn ist es meistens so. Ein Moment tiefen Friedens kann sich mit der Ausatmung einstellen. Der ganze Gesichtsausdruck entspannt sich, so als gäbe es im Moment kein „Ich“, kein „Ich“, das sich Sorgen macht oder ruhelos ist. Ein „Ich“, das sich Sorgen macht, ruhelos und verwirrt ist, ist ein großes, dominantes Ich. Der Moment der Ausatmung ist nur kurz, er bedeutet aber, dass der Klient in dem Moment wirklich mit seiner tiefen inneren Quelle in Kontakt gekommen ist und sie wird die Arbeit tun.
Als Shiatsu-Praktikerin muss ich die richtigen Bedingungen schaffen, damit das geschehen kann. Das hat auch eine Rückwirkung auf mich als Praktikerin. Ich muss erfahren haben, was sich sage, muss in meinem eigenen Leben, in meiner eigenen persönlichen Praxis all das erfahren haben. Wenn ich krank bin, muss auch ich diese Sichtweise haben, dass Leiden existiert. Für mich ist es keine Frage mehr von „Oh, ich muss das bedenken, mich daran erinnern.“ Ich denke automatisch, „nichts ist beständig“ etc. Ich muss also authentisch sein und von da aus kann ich, so hoffe ich jedenfalls, inspirieren. Am wichtigsten aber ist, dass ich nur da bin, vielleicht als ein Spiegel, der sagt „ Es ist in Ordnung, diese Widersprüche in sich zu fühlen, aber auch, diesen Diamanten zu sehen.“ Meine Rolle also ist es, das so auszudrücken wie es mir gemäß ist und die äußeren Bedingungen anzubieten. Das bedeutet, dass auch ich wirklich ein Stück Arbeit zu tun habe, indem ich all das selber für mich kultiviere.
Ich spreche hier natürlich nur aus meiner eigenen Erfahrung als Praktikerin. Wenn die eigene Erfahrung nur einen bestimmten Aspekt des großen Ganzen ausmacht, kann man nur von da aus aufrichtig darüber sprechen. Aber das wird die Menschen auf eine gute Weise berühren. Das allein schon wird dazu beitragen, dass Veränderungen geschehen. Ich glaube, dass wir alle danach hungern, Dinge zu hören, die aufrichtig sind. Wir wollen nicht nur ein Konzept von guten Ideen hören, sondern etwas, das auf einfache Weise ausgedrückt wird und authentisch ist. Das versuche ich in meiner eigenen Praxis zu tun. Ich versuche nicht, in Gebiete vorzudringen, die ich nicht erforscht habe oder von denen ich wenig weiß. Ich bleibe in meinem Verständnis und meiner Praxis. Da ich all das aber praktiziere, wachse ich immer weiter, bin also nicht begrenzt, weil sich eben immer alles ändert.

Pat:
Wenn Leute zu Dir kommen, haben sie ein großes Spektrum an Erwartungen. Wie verbindest Du diese Erwartungen mit Deinem eigenen Verständnis?
Sonia:
Nun, ich versuche nicht, sie mit Worten zu überzeugen. Ich beziehe mich auf die Praxis der „Liebenden Güte“. Je mehr ich sie praktiziere, umso mehr verändern sich mein Verständnis und meine Erfahrung. Es ist wirklich so, dass andere nicht anders sind als ich. So kann ich die Leute als eine Erweiterung meiner selbst sehen, und genauso wie sie möchte ich, dass mir Gutes geschieht, dass ich glücklich bin, dass es mir gut geht, dass ich auf diesen Weg achtgebe, dass ich am Ende meines Lebens vielleicht denke „Nun, ich habe ein paar Dinge anders als meine Vorfahren gemacht. Ich bin ein kleines bisschen vorangekommen.“
Wenn ich also andere sehe, die wie ich sind, weiß ich, dass sie das, was ich gerade aufzählte, auch wollen. Es geht darum, ihren Erwartungen mit „Liebender Güte“ zu begegnen. Oft kommen die Leute zu Anfang mit Schulterschmerzen oder Rückenschmerzen, aber das ist nur die Oberfläche, nicht wahr? Wenn ich mich in ihre tiefsten Hoffnungen einstimme, finden wir einen Punkt, an dem wir uns treffen. Vielleicht nicht in der ersten Sitzung. Oft sagen die Leute „Ich weiß, ich komme wegen viel mehr zu Dir als meiner Schulterschmerzen.“ Das ist keine Überraschung für mich. Es ist auch kein Selbstlob. Es ist einfach das, um was es uns allen geht, aber am Anfang sind wir alle noch etwas schüchtern.
Während der ersten Sitzungen geht es um die sogenannten Symptome oder um den gegenwärtigen Zustand, sehr bald aber taucht eine andere Dimension auf. Es öffnet sich eine Ebene, auf der wir ihnen ein Vorgefühl geben von einem Ort, an dem tiefes Wohlergehen möglich ist. Dann beginnt der Klient, sich darauf zu beziehen. Es ist wie ein Echo. Er hat es vernommen, und deshalb will er wiederkommen, sogar dann noch, wenn die Schulter bereits besser geworden ist. Es ist so, als würdest Du die Sprache sprechen oder als würden sie das Echo wiederhören, wenn sie wieder in dieser Umgebung, diesem Raum, zusammen mit der bestimmten Person sind. So arbeiten viele Meditationslehrer. Nur, indem Du in ihrer Gegenwart bist, bringt es Dich in Berührung mit jenem Echo, nach dem Du gesucht hast und das universell ist. Meiner Erfahrung nach gibt es da keinen Konflikt. Ich bin nicht der Ansicht, dass sie nur wegen eines Symptoms kommen, meine Sichtweise ist da viel weiter.

Pat:
Manchmal spüre ich eine Ambivalenz in meiner Shiatsupraxis, weil ich mich hin- und hergerissen fühle zwischen der Arbeit am gegenwärtigen Zustand und den tieferen Fragen oder Problemen. Ich schaue nicht auf das Ganze, bin nicht entspannt und das macht mein Shiatsu weniger fokussiert und weniger befriedigend.
Sonia:
Wir sollten wirklich diese „weitere Sichtweise“ durch unsere eigene Praxis kultivieren, so dass wir buchstäblich alle diese Möglichkeiten und Widersprüche haben und in diesem Rahmen wissen, dass wir sehr begrenzt sind in dem, was wir wirklich tun können. Ich glaube mehr an den Aspekt, die richtigen Bedingungen zu schaffen und dass zwischen dem, wie wir leben und dem, was wir sagen, keine Lücke klafft, so dass wir wirklich aufrichtig sein können. Der Rest ist dann Sache des Klienten, ist das, was wir seinen „Weg“ oder „Pfad“ nennen. Es ist nicht allzu viel, was wir als äußere Person wirklich tun können. Wir können durch unser Vorbild oder unser Beispiel und unsere Wechselwirkung inspirieren, wir können helfen, dass der Klient den Berg von Arbeit erkennt, der zu bewältigen ist. Wir können zum Beispiel besänftigen etc., aber physisch können wir nicht sehr viel tun, können nicht intervenieren. Es braucht Jahre, um dies zu erkennen, denn zu Beginn der Arbeit als Praktiker glaubst Du, dass Du wirklich viel bewirken kannst, aber wenn Du ehrlich bist, passieren die Veränderungen nur, weil die Person ohnehin in die Richtung gegangen ist und Du zu dem Zeitpunkt gerade da warst. Du hast etwas Wertvolles getan, aber nicht Du warst es, sie waren sozusagen in dem Moment bereit dazu. Damit will ich Shiatsu nicht herabwürdigen, auch mich selber nicht, aber es ist einfach so, wie ich sagte.
Du zeigst den Weg, indem Du auf bestimmten Meridianen arbeitest, schaffst ein Gefühl von Wohlergehen, von Balance und hilfst der Energie, sich zu bewegen, aber wenn innerlich ein Widerstand da ist, ein Festhalten, ein Sich-Sperren, ein schlechter Gesundheitszustand oder etwas, was sich dagegen sträubt, kannst Du nichts tun bis die Person durch die Schläge des Lebens diese Widerstände aufgibt.
Das größte Plus von Shiatsu ist, dass es nonverbal abläuft. Das ist sehr kraftvoll, weil Worte durch die verschiedenen möglichen Assoziationen, Interpretationen usw. verwirren können. Ich denke, gerade weil es nonverbal ist, ist es ein so wunderbares Werkzeug. Die Hände kommunizieren, sie sprechen. Shiatsu ist also ein Weg, der die Selbstheilungskräfte im Klienten aktiviert. Er wird Zeuge, was mit seiner Energie geschieht, und das ist das Ergebnis dessen, was ich als Praktiker anbiete.
Für mich ist die Atmung ein Zeichen dafür, ob etwas gut läuft. Die Atmung kann tiefer werden, besonders die Ausatmung. Wenn die Entspannung sehr tiefgehend ist und wenn losgelassen wird, dann wird zwischen der Ausatmung und der Einatmung eine Leere sein. Es geschieht nichts, und oft wird der Klient später sagen „Ich wollte nicht einatmen, ist das in Ordnung? Was bedeutet das?“
Eine große Stille ist eingetreten, und der Klient ist mit dem inneren meditativen Raum in Berührung gekommen. In dem Moment ist Heilung geschehen. Ich als Praktikerin schaue sozusagen während der ganzen Sitzung danach, ob meine Arbeit zu diesem Moment hinführt. Das ist etwas, was Du wirklich spüren und überprüfen kannst. Während dieser Pause, dieser Leere ist sich der Klient dessen ganz und gar bewusst, und er ist ganz und gar damit verbunden. Ich selbst als Praktierin muss das auch oft erfahren haben, um zu respektieren und zu wissen, wie es an diesem Punkt wirklich ist. Wenn ich es bemerke, fahre ich mit meiner Arbeit fort, sie wird tiefer, und ich treffe den Klienten dann in diesem Raum. Es ist in der Tat ein unglaublicher Raum für sie. Es ist der Moment, in der Selbstheilung geschieht. Es bedarf nur eines kleinen Augenblicks in Deiner einstündigen Sitzung wie diesem und alles geht von selbst.
Ich als Praktikerin fühle also, dass ich immer weniger tun muss. Ich bin es wirklich nicht. Meine Verantwortung liegt nur darin, die richtigen Bedingungen zu schaffen, zuzuhören, in Liebender Güte präsent zu sein, mich nicht „einzumischen“, damit ich Zeuge werden kann von dem, was vor sich geht und in der Lage bin, dies richtig zu interpretieren. Während der Sitzung spüre ich zum Beispiel, dies ist heilsam, das nicht, hier verläuft die Bewegung nicht in der richtigen Richtung. Der Klient aber macht die eigentliche Arbeit, er ist also selber aktiv. Das gibt ihm sozusagen die Vollmacht, und das bekommt er auch mit. Er fühlt sich aktiver und ist deshalb am Ende einer Shiatsu-Sitzung in der Lage, mehr zu sagen als ich, zum Beispiel, „Dies ist geschehen und das“, und alles, was ich dann nur noch sagen kann, ist „ja, so ist es“.

Pat:
Du hast schon beschrieben, was bestimmte Aspekte von Kommunikation für Dich bedeuten. Möchtest Du dazu noch etwas sagen?
Sonia:
Beim Thema Kommunikation geht es um die Praxis der Liebenden Güte, die bedeutet, dass ich fühle, dass wir nicht getrennt sind. Die Wut meines Klienten ist auch die meine. Wut, Hass, Neid, Eifersucht, Trauer, Einsamkeit, Verzweiflung, Freude, Hoffnung, all das kenne ich auch. Wir alle kennen das ganze Spektrum, niemand ist davon ausgenommen. Kommunikation bedeutet, dass ich ein Verständnis von all dem habe. Ich muss wissen, dass es so in Ordnung ist. Denn dann habe ich keine Angst vor diesen Gefühlen, diesen Emotionen und Empfindungen in mir oder in anderen. Ich denke dann, „aha, so fühlt sich tiefe Einsamkeit an“.
Das erinnert mich an den Wert von Shiatsu. Als ich bei Ohashi lernte, sagte er „Du bist mit dem Klienten auf dem Boden, er befindet sich nicht auf der Couch, steht nicht neben Dir. Du berührst ihn auf derselben Ebene.“ Ohashi ist klein von Statur. In einem Kurs stellte er sich neben den größten Mann. Es war also ein riesiger Unterschied. Als er sich dann auf die Matte setzte und der Mann das auch tat, war der Unterschied weitaus geringer. Das ist das, was Shiatsu für mich bedeutet. Es gibt so gut wie keine Trennung. Die Intention ist die Berührung, ist der körperliche Kontakt, Klient und Praktiker stehen auf einer Stufe.
Deshalb benutze ich das Wort „Behandlung“ auch nicht. Wie kann ich „behandeln“? Ich sehe nur diese zweiseitige Kommunikation, die zu einer wird und in der wir unsere Erfahrung, unsere Menschlichkeit teilen. Und in der Mitte, so hoffe ich, gibt es diesen Moment des tiefen Wohlbehagens, der in dieser Person widerhallt und der sie mit ihrem ganzen menschlichen Potential in Berührung bringt.

Aus dem Englischen von Anne Frederiksen.

1974 begann Sonia Moriceau ihre Ausbildung in Satipatthana (Meditation der Achtsamkeit) unter der Leitung von John Garrie Roshi. Ihre Meditationspraxis führte sie zum Shiatsu und zum Heilen. 1980 begann sie ihre Shiatsu-Ausbildung bei Meister Ohashi, gründete 1983 das „Healing Shiatsu Education Centre“ in South Herefordshire, wo die Meditation der Achtsamkeit integraler Bestandteil der Shiatsu-Ausbildung ist. Das Zentrum bietet auch Meditationskurse und Retreats an.

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Site updated 14/2/2008