Sonia Moriceau
Im Gespräch mit Pat O’Grady
Pat:
Mir
scheint, dass unser Verständnis
von Gesundheit, schlechtem Gesundheitszustand und Heilung der Kern
unserer Praxis sein muss. Könntest
Du erklären, was diese Begriffe für Dich bedeuten? Ich suche
nicht nach einer definitiven Interpretation, vielmehr nach den Aspekten,
die aus Deiner Erfahrung resultieren und die Deine Shiatsu-Praxis beeinflussen.
Sonia:
Für mich ist das bestimmende Merkmal von
Gesundheit nicht die Abwesenheit von Leid, Schmerz oder Krankheit.
Es ist nicht so, dass
jemand gesund ist, wenn ihm nichts fehlt. Es gibt Menschen, denen bis
zum 50. oder 60. Lebensjahr nichts gefehlt hat, aber wenn sie innehalten,
bricht alles zusammen. Alles, was verdrängt wurde, kommt jetzt
an die Oberfläche. Es ist also nicht so, dass die Abwesenheit
von Krankheit oder von Beschwerden notwendigerweise ein Maßstab
ist für
das, was Gesundheit ausmacht. Für mich ist der Maßstab vielmehr
Flexibilität, die Fähigkeit sagen zu können „Ich
kann in mein Zentrum zurückkehren, in einen Zustand der Ruhe und
des Wohlbefindens in meinem Leben.“ In dem Sinne hat Heilung
mehr mit „Umerziehung“ zu tun als mit „Behandlung“ oder
etwas loszuwerden.
Ein schlechter Gesundheitszustand zeigt sich dann, wenn in einem Menschen
keine Veränderung, kein Wachstum, keine Entwicklung stattfindet.
Um ein Beispiel zu geben: eine Frau, die kürzlich zu mir kam,
fühlte
sich unwohl. Aber gerade dadurch veränderte sie sehr viel, hatte
viele Erkenntnisse über sich selber, ihre Gefühle, ihre Lebensweise.
Für mich ist das Gesundheit, und in dem Sinne benutze ich auch
das Wort Evolution.
Pat:
Könntest
Du noch weiter ausführen,
was Du mit Evolution und Wachstum meinst? Evolution wohin? Wachstum
in welcher Weise?
Sonia:
Denken wir an die Evolution, bevor wir menschliche
Wesen wurden: Es gab immer Bewegung, immer Umwälzung, um uns
dorthin zu bringen, wo wir heute sind. Das war so und wird immer
so bleiben, weil die Menschen
nie aufhören werden zu wachsen, zu suchen, sich anzupassen und
sich unter großen Unannehmlichkeiten und Beschwerden zu transformieren.
Das ist einer der interessanten Aspekte von sogenannter Gesundheit
und Heilung. Wenn wir uns anpassen, wenn wir wachsen, uns ausdehnen
und ändern,
kann das großes Unbehagen verursachen. Aber es ist ein ständiger
Prozess, und schließlich entsteht ein menschliches Wesen, das
weit mehr Möglichkeiten hat und über mehr Potential verfügt
als, sagen wir, ein Mensch vor einhundert Jahren.
Was mich betrifft, so hoffe ich, dass ich auf einem Pfad gehe, auf
dem meine eigenen Vorfahren noch nicht gegangen sind, so dass ich
ein bisschen
zur Evolution beitragen kann. Das muss äußerlich gar nicht
sichtbar sein, aber innerlich muss ich nicht dieselben Muster, Szenarien
oder Konditionierungen ausagieren, muss nicht unter denselben Umständen
leben, in denen ich mich einmal befand. Ich habe das - ein bisschen
jedenfalls - „transzendiert“. Das ist für mich Evolution,
das ist Gesundheit.
Pat:
Könntest
Du das ausführlicher
erklären?
Sonia:
Nun, wir müssen mit dem „Antrieb“ in
uns in Berührung
kommen, um unsere Konditionierung zu transzendieren. Das geht wirklich über
jede Theorie hinaus. Es ist etwas, was man in jedem Menschen beobachten
kann, ein ziemlich starker Aspekt. Es kann dazu führen, dass
dieser Mensch verrückte Dinge tut… Innerlich ist ein
unglaublicher „Antrieb“ da,
der sich als Ruhelosigkeit ausdrücken kann.
Wir können als Beispiel so etwas Einfaches wie die Midlife-Krise
nehmen. Oft geht man damit nicht sachgemäß um, weil man nicht
genug darüber weiß und nicht genügend angemessene Mittel
kennt. Grundsätzlich aber geht es auch hier um einen Antrieb, um
den Antrieb: „Ich will mehr. Ich will etwas anderes. Es reicht
einfach nicht so wie es ist.“ Oft projizieren wir das natürlich
auf die Familie oder den Beruf oder die Umgebung. Im Grunde jedoch ist
das sehr gut. Es bedeutet: „Ich will etwas anderes. Wie kann ich
es erreichen?“ Es handelt sich also um eine Suche. Wir kommen zurück
auf die Nierenenergie, die etwas anderes möchte. Wir können
also sagen, wenn man keine gute Nierenenergie hat, ist auch die Gesundheit
nicht gut.
Kommen wir noch einmal auf die Kernfrage zurück: Was eigentlich
ist Gesundheit? Von Krankheit können wir dann sprechen, wenn
jemand diesen Antrieb verloren hat, diesen Antrieb, sich bessere
Umstände
zu schaffen. Was immer das bedeutet. Für manche mag es etwas
Materielles sein, ich jedoch suche mehr nach den Samen in uns,
und ob daraus etwas
entsteht, ob etwas in eine andere Richtung zu wachsen beginnt und
somit zu einer anderen Entwicklung führt.
Pat:
Gesundheit,
schlechter Gesundheitszustand, beides hast Du erklärt.
Wie siehst oder erklärst du den Begriff „Heilen“?
Sonia:
Ich glaube, dass das Wort „Heilen“ bedeutet,
Frieden mit solchen Situationen zu machen, wie ich sie gerade
beschrieben habe.
Wenn wir Gesundheit als die Fähigkeit definieren, ins Gleichgewicht
zu kommen, bedeutet Gesundheit auch, dass wir akzeptieren, dass
es Zeiten gibt, in denen wir uns nicht so gut fühlen, Zeiten,
in denen wir Beschwerden haben. Ich finde das wirklich wichtig,
weil Klienten so oft über
Schmerzen etc. klagen. Wenn wir sie aber als Teil des Gesamtbildes
akzeptieren können, wenn wir uns damit anfreunden können,
ist das Teil des Heilungsprozesses, ganz im Sinne der ersten
Edlen Wahrheit: „Leiden
gehört zum Leben.“ Es gibt Schmerz, Ruhelosigkeit,
Kummer, Trauer, aber wer sagt denn, dass es das alles nicht geben
sollte!? Wie
wir wissen, ist nichts beständig.
Ich glaube, Heilung hat diese weite Sichtweise. Es ist in Ordnung,
Beschwerden zu haben, solange es eine Wachstumsbewegung gibt,
ein „Ich will
da hindurchgehen, und um das zu tun, werde ich Beschwerden haben. Ich
muss eine Änderung herbeiführen. Ich muss die Dinge in meinem
Leben bewegen.“
Ich finde das faszinierend, denn sobald wir das akzeptieren,
ist es gut. Wir müssen akzeptieren, dass Glück oder Gesundheit nicht bedeuten,
ein schönes Haus zu besitzen, Geld auf der Bank zu haben, gute Beziehungen
zu haben - all dies ist natürlich hilfreich, aber es ist eben nicht
das Ziel. Wenn wir akzeptieren können, dass wir manchmal heimatlos,
ohne Freunde sind oder uns allein fühlen und uns fragen „Was
mache ich hier eigentlich?“, dann wird Heilung eintreten. Dann
ist etwas in Bewegung. Es ist ein bisschen so, als würden wir unsere
Sichtweise von einem Märchen ändern. Es gibt Leiden, aber es
gibt auch einen Ausweg. Meist aber sieht er nicht so aus, wie wir glauben.
Hier kommen wir zurück auf das Thema Krankheit im Sinne von Unwohlsein,
im Sinne von „Nein, ich will diese Veränderung nicht. Ich
will, dass die Dinge bleiben wie sie sind. Ein Haus, Geld auf der Bank
zu haben, das Darlehen abgezahlt zu haben, sind Ausdruck von höchstem
Glück und wirklicher Gesundheit für mich. Damit sich nichts ändert,
will ich diese Energien, diese Bewegung, diesen Antrieb nicht.“
Das ist das Gesamtbild für mich. Es hilft mir zu verstehen, was
in meinem eigenen Leben vor sich geht und gleichzeitig, was im
Leben anderer Menschen vor sich geht. Dann kann ich sehen, warum jemand
etwas
zurückhält, warum er an etwas festhält oder seinen
natürlichen
Antrieb bremst, diesen Impuls, der höher hinaus möchte.
Deshalb kommt es immer wieder zu Konflikten und Krankheiten.
Pat:
Wie
kann Shiatsu diesen Heilungsprozess unterstützen?
Sonia:
Ich spreche nicht sehr viel mit meinen Klienten,
hoffe aber, dass ich die Ruhelosigkeit und Konfusion besänftigen
kann, die sich im Kyo und Jitsu zeigen, in der Verwirrung und der Frage „Wie
leben wir eigentlich?“ Es geht wirklich darum, zu immer tieferen
Schichten in einem Menschen vorzudringen, so dass er mit seinen wahren
Sehnsüchten
in Kontakt kommt. Weil ich diese Sprache kenne, diese Erfahrung
habe, kann ich das aufnehmen, und sie können fragen „Was
kann ich als nächstes tun?“ Ich kann dann etwas anbieten,
sei es Literatur, Meditation oder etwas anderes.
Es geht im Shiatsu wirklich darum, einen Samen zu säen, der uns
mit unseren tiefsten Sehnsüchten in Berührung bringt,
nicht nur mit der Frage, „Wie kann ich überleben?“ Es
gibt viele Ebenen, Shiatsu zu geben, Shiatsu zu erfahren. Für
mich ist es aber wichtig, diesen Aspekt, einen Samen zu säen,
zu berücksichtigen,
denn dann tut sich, so hoffe ich, für den Klienten die
Möglichkeit
auf, den hellen Strahl des Diamanten zu sehen (wie mein Lehrer
es nannte), mit dem er sich dann verbinden kann. In dem Augenblick
beginnt er, begierig
nach dem „Ich will mehr“ zu hungern.
Pat:
Du
hast wahrscheinlich das meiste über Deine Rolle als Praktikerin
bereits gesagt. Möchstest Du noch etwas hinzufügen?
Sonia:
Nun, es ist etwas, was ich noch anders
ausdrücken möchte.
Wenn ich Shiatsu gebe, gebe ich direkte Erfahrungen an meine
Klienten weiter, wie ich es schon beschrieben habe. Selbst
wenn es nur flüchtig
ist, und zu Beginn ist es meistens so. Ein Moment tiefen
Friedens kann sich mit der Ausatmung einstellen. Der ganze
Gesichtsausdruck entspannt
sich, so als gäbe es im Moment kein „Ich“,
kein „Ich“,
das sich Sorgen macht oder ruhelos ist. Ein „Ich“,
das sich Sorgen macht, ruhelos und verwirrt ist, ist ein
großes, dominantes
Ich. Der Moment der Ausatmung ist nur kurz, er bedeutet aber,
dass der Klient in dem Moment wirklich mit seiner tiefen
inneren Quelle
in Kontakt
gekommen ist und sie wird die Arbeit tun.
Als Shiatsu-Praktikerin muss ich die richtigen Bedingungen
schaffen, damit das geschehen kann. Das hat auch eine Rückwirkung auf mich
als Praktikerin. Ich muss erfahren haben, was sich sage, muss in meinem
eigenen Leben, in meiner eigenen persönlichen Praxis all das erfahren
haben. Wenn ich krank bin, muss auch ich diese Sichtweise haben, dass
Leiden existiert. Für mich ist es keine Frage mehr von „Oh,
ich muss das bedenken, mich daran erinnern.“ Ich denke automatisch, „nichts
ist beständig“ etc. Ich muss also authentisch sein und von
da aus kann ich, so hoffe ich jedenfalls, inspirieren. Am wichtigsten
aber ist, dass ich nur da bin, vielleicht als ein Spiegel, der sagt „ Es
ist in Ordnung, diese Widersprüche in sich zu fühlen, aber
auch, diesen Diamanten zu sehen.“ Meine Rolle also ist es, das
so auszudrücken wie es mir gemäß ist und die äußeren
Bedingungen anzubieten. Das bedeutet, dass auch ich wirklich ein Stück
Arbeit zu tun habe, indem ich all das selber für mich kultiviere.
Ich spreche hier natürlich nur aus meiner eigenen Erfahrung als
Praktikerin. Wenn die eigene Erfahrung nur einen bestimmten
Aspekt des großen Ganzen ausmacht, kann man nur von da aus aufrichtig
darüber
sprechen. Aber das wird die Menschen auf eine gute Weise
berühren.
Das allein schon wird dazu beitragen, dass Veränderungen
geschehen. Ich glaube, dass wir alle danach hungern, Dinge
zu hören, die aufrichtig
sind. Wir wollen nicht nur ein Konzept von guten Ideen hören,
sondern etwas, das auf einfache Weise ausgedrückt wird
und authentisch ist. Das versuche ich in meiner eigenen Praxis
zu tun. Ich versuche nicht,
in Gebiete vorzudringen, die ich nicht erforscht habe oder
von denen ich wenig weiß. Ich bleibe in meinem Verständnis
und meiner Praxis. Da ich all das aber praktiziere, wachse
ich immer weiter, bin
also nicht begrenzt, weil sich eben immer alles ändert.
Pat:
Wenn
Leute zu Dir kommen, haben sie ein großes Spektrum
an Erwartungen. Wie verbindest Du diese Erwartungen mit
Deinem eigenen Verständnis?
Sonia:
Nun, ich versuche nicht, sie mit Worten zu überzeugen.
Ich beziehe mich auf die Praxis der „Liebenden Güte“.
Je mehr ich sie praktiziere, umso mehr verändern sich mein Verständnis
und meine Erfahrung. Es ist wirklich so, dass andere nicht
anders sind als ich. So kann ich die Leute als eine Erweiterung meiner
selbst sehen,
und genauso wie sie möchte ich, dass mir Gutes geschieht,
dass ich glücklich bin, dass es mir gut geht, dass
ich auf diesen Weg achtgebe, dass ich am Ende meines Lebens
vielleicht denke „Nun, ich habe
ein paar Dinge anders als meine Vorfahren gemacht. Ich
bin ein kleines bisschen vorangekommen.“
Wenn ich also andere sehe, die wie ich sind, weiß ich, dass sie
das, was ich gerade aufzählte, auch wollen. Es geht darum, ihren
Erwartungen mit „Liebender Güte“ zu begegnen. Oft kommen
die Leute zu Anfang mit Schulterschmerzen oder Rückenschmerzen,
aber das ist nur die Oberfläche, nicht wahr? Wenn ich mich in ihre
tiefsten Hoffnungen einstimme, finden wir einen Punkt, an dem wir uns
treffen. Vielleicht nicht in der ersten Sitzung. Oft sagen die Leute „Ich
weiß, ich komme wegen viel mehr zu Dir als meiner Schulterschmerzen.“ Das
ist keine Überraschung für mich. Es ist auch kein Selbstlob.
Es ist einfach das, um was es uns allen geht, aber am Anfang sind wir
alle noch etwas schüchtern.
Während der ersten Sitzungen geht es um die sogenannten Symptome
oder um den gegenwärtigen Zustand, sehr bald aber
taucht eine andere Dimension auf. Es öffnet sich eine
Ebene, auf der wir ihnen ein Vorgefühl geben von einem
Ort, an dem tiefes Wohlergehen möglich
ist. Dann beginnt der Klient, sich darauf zu beziehen.
Es ist wie ein Echo. Er hat es vernommen, und deshalb will
er wiederkommen, sogar dann
noch, wenn die Schulter bereits besser geworden ist. Es
ist so, als würdest
Du die Sprache sprechen oder als würden sie das Echo
wiederhören,
wenn sie wieder in dieser Umgebung, diesem Raum, zusammen
mit der bestimmten Person sind. So arbeiten viele Meditationslehrer.
Nur, indem Du in ihrer
Gegenwart bist, bringt es Dich in Berührung mit jenem
Echo, nach dem Du gesucht hast und das universell ist.
Meiner Erfahrung nach gibt
es da keinen Konflikt. Ich bin nicht der Ansicht, dass
sie nur wegen eines Symptoms kommen, meine Sichtweise ist
da viel weiter.
Pat:
Manchmal
spüre ich eine Ambivalenz
in meiner Shiatsupraxis, weil ich mich hin- und hergerissen
fühle zwischen der Arbeit am
gegenwärtigen Zustand und den tieferen Fragen oder
Problemen. Ich schaue nicht auf das Ganze, bin nicht
entspannt und das macht mein
Shiatsu
weniger fokussiert und weniger befriedigend.
Sonia:
Wir sollten wirklich diese „weitere
Sichtweise“ durch
unsere eigene Praxis kultivieren, so dass wir buchstäblich
alle diese Möglichkeiten und Widersprüche haben
und in diesem Rahmen wissen, dass wir sehr begrenzt sind
in dem, was wir wirklich tun können.
Ich glaube mehr an den Aspekt, die richtigen Bedingungen
zu schaffen und dass zwischen dem, wie wir leben und
dem, was wir sagen, keine Lücke
klafft, so dass wir wirklich aufrichtig sein können.
Der Rest ist dann Sache des Klienten, ist das, was wir
seinen „Weg“ oder „Pfad“ nennen.
Es ist nicht allzu viel, was wir als äußere
Person wirklich tun können. Wir können durch
unser Vorbild oder unser Beispiel und unsere Wechselwirkung
inspirieren, wir können helfen, dass der
Klient den Berg von Arbeit erkennt, der zu bewältigen
ist. Wir können
zum Beispiel besänftigen etc., aber physisch können
wir nicht sehr viel tun, können nicht intervenieren.
Es braucht Jahre, um dies zu erkennen, denn zu Beginn
der Arbeit als Praktiker glaubst Du,
dass Du wirklich viel bewirken kannst, aber wenn Du ehrlich
bist, passieren die Veränderungen nur, weil die
Person ohnehin in die Richtung gegangen ist und Du zu
dem Zeitpunkt gerade da warst. Du hast etwas Wertvolles
getan, aber nicht Du warst es, sie waren sozusagen in
dem Moment bereit
dazu. Damit will ich Shiatsu nicht herabwürdigen,
auch mich selber nicht, aber es ist einfach so, wie ich
sagte.
Du zeigst den Weg, indem Du auf bestimmten Meridianen
arbeitest, schaffst ein Gefühl von Wohlergehen, von Balance und hilfst der Energie,
sich zu bewegen, aber wenn innerlich ein Widerstand da ist, ein Festhalten,
ein Sich-Sperren, ein schlechter Gesundheitszustand oder etwas, was sich
dagegen sträubt, kannst Du nichts tun bis die Person durch die Schläge
des Lebens diese Widerstände aufgibt.
Das größte Plus von Shiatsu ist, dass es nonverbal abläuft.
Das ist sehr kraftvoll, weil Worte durch die verschiedenen möglichen
Assoziationen, Interpretationen usw. verwirren können. Ich denke,
gerade weil es nonverbal ist, ist es ein so wunderbares Werkzeug. Die
Hände kommunizieren, sie sprechen. Shiatsu ist also ein Weg, der
die Selbstheilungskräfte im Klienten aktiviert. Er wird Zeuge,
was mit seiner Energie geschieht, und das ist das Ergebnis dessen,
was ich
als Praktiker anbiete.
Für mich ist die Atmung ein Zeichen dafür, ob etwas gut läuft.
Die Atmung kann tiefer werden, besonders die Ausatmung. Wenn die Entspannung
sehr tiefgehend ist und wenn losgelassen wird, dann wird zwischen der
Ausatmung und der Einatmung eine Leere sein. Es geschieht nichts, und
oft wird der Klient später sagen „Ich wollte nicht einatmen,
ist das in Ordnung? Was bedeutet das?“
Eine große Stille ist eingetreten, und der Klient ist mit dem inneren
meditativen Raum in Berührung gekommen. In dem Moment ist Heilung
geschehen. Ich als Praktikerin schaue sozusagen während der ganzen
Sitzung danach, ob meine Arbeit zu diesem Moment hinführt. Das ist
etwas, was Du wirklich spüren und überprüfen kannst. Während
dieser Pause, dieser Leere ist sich der Klient dessen ganz und gar bewusst,
und er ist ganz und gar damit verbunden. Ich selbst als Praktierin muss
das auch oft erfahren haben, um zu respektieren und zu wissen, wie es
an diesem Punkt wirklich ist. Wenn ich es bemerke, fahre ich mit meiner
Arbeit fort, sie wird tiefer, und ich treffe den Klienten dann in diesem
Raum. Es ist in der Tat ein unglaublicher Raum für sie. Es ist der
Moment, in der Selbstheilung geschieht. Es bedarf nur eines kleinen Augenblicks
in Deiner einstündigen Sitzung wie diesem und alles geht von selbst.
Ich als Praktikerin fühle also, dass ich immer weniger tun muss.
Ich bin es wirklich nicht. Meine Verantwortung liegt
nur darin, die richtigen Bedingungen zu schaffen, zuzuhören, in
Liebender Güte präsent
zu sein, mich nicht „einzumischen“, damit
ich Zeuge werden kann von dem, was vor sich geht und
in der Lage bin, dies richtig zu
interpretieren. Während der Sitzung spüre ich
zum Beispiel, dies ist heilsam, das nicht, hier verläuft
die Bewegung nicht in der richtigen Richtung. Der Klient
aber macht die eigentliche Arbeit,
er ist also selber aktiv. Das gibt ihm sozusagen die
Vollmacht, und das bekommt er auch mit. Er fühlt
sich aktiver und ist deshalb am Ende einer Shiatsu-Sitzung
in der Lage, mehr zu sagen als ich, zum Beispiel, „Dies
ist geschehen und das“, und alles, was ich dann
nur noch sagen kann, ist „ja, so ist es“.
Pat:
Du
hast schon beschrieben, was bestimmte Aspekte von Kommunikation für
Dich bedeuten. Möchtest Du
dazu noch etwas sagen?
Sonia:
Beim Thema Kommunikation geht
es um die Praxis der Liebenden Güte,
die bedeutet, dass ich fühle, dass wir nicht getrennt
sind. Die Wut meines Klienten ist auch die meine. Wut,
Hass, Neid, Eifersucht,
Trauer, Einsamkeit, Verzweiflung, Freude, Hoffnung,
all das kenne ich auch. Wir alle kennen das ganze Spektrum,
niemand ist davon ausgenommen.
Kommunikation bedeutet, dass ich ein Verständnis
von all dem habe. Ich muss wissen, dass es so in Ordnung
ist. Denn dann habe ich keine
Angst vor diesen Gefühlen, diesen Emotionen und
Empfindungen in mir oder in anderen. Ich denke dann, „aha,
so fühlt sich tiefe
Einsamkeit an“.
Das erinnert mich an den Wert von Shiatsu. Als ich
bei Ohashi lernte, sagte er „Du bist mit dem Klienten auf dem Boden, er befindet sich
nicht auf der Couch, steht nicht neben Dir. Du berührst ihn auf
derselben Ebene.“ Ohashi ist klein von Statur. In einem Kurs stellte
er sich neben den größten Mann. Es war also ein riesiger Unterschied.
Als er sich dann auf die Matte setzte und der Mann das auch tat, war
der Unterschied weitaus geringer. Das ist das, was Shiatsu für mich
bedeutet. Es gibt so gut wie keine Trennung. Die Intention ist die Berührung,
ist der körperliche Kontakt, Klient und Praktiker stehen auf einer
Stufe.
Deshalb benutze ich das Wort „Behandlung“ auch nicht. Wie
kann ich „behandeln“? Ich sehe nur diese
zweiseitige Kommunikation, die zu einer wird und in
der wir unsere Erfahrung, unsere Menschlichkeit
teilen. Und in der Mitte, so hoffe ich, gibt es diesen
Moment des tiefen Wohlbehagens, der in dieser Person
widerhallt und der sie mit ihrem ganzen
menschlichen Potential in Berührung bringt.
Aus
dem Englischen von Anne Frederiksen.
1974
begann Sonia Moriceau ihre Ausbildung in Satipatthana (Meditation der
Achtsamkeit)
unter der Leitung von
John Garrie Roshi. Ihre
Meditationspraxis führte sie zum Shiatsu und
zum Heilen. 1980 begann sie ihre Shiatsu-Ausbildung
bei Meister Ohashi, gründete 1983 das „Healing
Shiatsu Education Centre“ in South Herefordshire,
wo die Meditation der Achtsamkeit integraler Bestandteil
der Shiatsu-Ausbildung ist. Das Zentrum bietet
auch Meditationskurse und Retreats an.